Der Vampir in den Märchen

geschrieben von Mina

In Märchen treten die Vampire meistens als Brautwerber auf. Sie fressen Menschenfleisch und saugen nur selten Blut. Sehr deutlich werden gerade in den Märchen die Zusammenhänge mit den Werwolfgeschichten und der Lenorensage. Der Schluss der Märchen entfernt sich fast immer vom eigentlichen Vampirstoff.

Folgende Märchentypen (nach Aarne – Thompson) kommen für Vampirmärchen in Betracht:

1. Der Leichenfresser (der Bräutigam frisst in der Kirch Leichen, er erscheint seiner Braut in Gestalt ihres Vaters, ihrer Mutter usw. und frisst sie schließlich auf).

2. Lenor (der tote Bräutigam entführt die Braut bei Vollmond)

3. Der Mann vom Galgen (ein Mann raubt das Herz, die Leber oder den Magen eines Gehängten und gibt es einer Frau zu essen. Der Tote kommt, um sein Eigentum zurückzufordern und führt den Mann bzw. die Frau mit sich fort).

4. Das Mädchen als Blume.

Viele der hier aufgezählten Motive und typischen Verhaltensweisen finden sich auch in literarischen Texten. Bestimmte Märchenvarianten wurden ausdrücklich unter dem Titel „Vampir“ gesammelt. Diese sogenannten Vampirmärchen weichen in den Sammlungen der verschiedenen Länder nur in Einzelheiten voneinander ab.

Einige Beispiele:

1. Der Vampir (1)

Ein Bursche macht der Bauerstochter Marussja einen Heiratsantrag. Sie folgt heimlich dem Freier, um zu wissen, wo er wohnt. Sie sieht ihn leichendfressend in einer Kirche. Dem Freier gegenüber leugnet sie, dass sie ihn beobachtet hat. Sie vertraut sich dem Vater und später der Mutter an. Es war aber der Vampir, der sich in Gestalt des Vaters und der Mutter näherte. Die wirklichen Eltern sterben. Marussja geht zur Ahne. Die gibt ihr den Rat, zum Popen zu gehen und unter der Schwelle ihrer Tür eine Grube zu graben, damit im Falle ihres Todes ihre Leiche nicht durch die Tür sondern unter der Schwelle hinausgetragen werden kann.

Außerdem soll sie sich an einem Kreuzweg begraben lassen. Marussja führte die Ratschläge aus und stirbt wenig später. Sie wird am Kreuzweg beigesetzt. Von ihrem Grab pflückt eines Tages ein Bojarensohn eine Blume. In der Nacht erscheint ihm diese Blume als Mädchen. Der Mann ist von ihrer Schönheit hingerissen und heiratet sie. Das Mädchen stellt die Bedingung, dass nicht kirchlich geheiratet wird, denn sie möchte keine Kirche betreten. Eines Tages muss sie doch ins Gotteshaus. Der Teufel (der Bursche war der Teufel!) sitzt im Fenster und veranlasst, dass Mann und Sohn sterben. Marussja eilt wieder zur Großmutter. Die gibt ihr ein Gläschen Weihwasser, das die Bauerstochter dem Teufelsburschen ins Gesicht schüttet. Er zerfällt in Staub. Mit Lebenswasser macht Marussja Mann und Sohn dann wieder lebendig.

Quelle: A.N. Afanasnev, Narodnye russki skazki, 3. Aufl. Band 2, Nr. 206: Upyrj. Moskau 1897

 

2. Der Vampir (2)

Das Mädchen Riza hat einen Liebhaber, der sie immer beim Hahnenschrei verlässt.

Sie entdeckt, dass er ein Vampir ist: "Da sprang in aller Frühe das Mädchen auf und machte sich zurecht, nahm den Zwirn und ging der Spur des Fadens nach. Da sah es seinen Geliebten in einer Grube, wo er unten zusammengekauert lag." Der Vampir tötet Rizas Mutter, dann den Vater, schließlich auch Riza. Sie hatte vorsorglich ihren Dienern befohlen, ihre Leiche nicht durch die Tür zu tragen und sie unter einem Apfelbaum zu begraben. Auf dem Grab wächst eine Blume, der Kaisersohn nimmt sie mit und stellt sie in einem Becher an das Kopfende seines Bettes. Nachts verwandelt sich die Blume in ein Mädchen. Der Prinz aber schläft. Er wird krank. Seine Eltern sehen das Mädchen und wecken den Knaben. Beide schlafen zusammen. Schließlich heiraten sie, Der Vampir meldet sich wieder. Er holt erst den Sohn, dann den Gatten Rizas. Sie sagt am Ende den entscheidenden Satz zum Vampir: "Gebe Gott, dass du verrecktest." Der Vampir stirbt. "In aller Frühe stand Riza auf und sah auf der Tenne Blut, so viel wie zwei Hände voll. Da befahl Riza ihrem Schwiegervater, dass er ihm so schnell wie möglich das Herz herausreiße. Als das ihr Schwiegervater, der Kaiser, hörte, überlegte er nicht lange und nahm das Herz heraus und legte es in Rizas Hände. Sie aber ging zum Grabes ihres Kindes und erweckte das Kind. Sie legte das Herz auf das Grab und das Kind stand auf. Dann begab sich Riza zu ihrem Vater und ihrer Mutter und rieb sie mit jenem Blut ein, und siehe da, sie erhoben sich. Als Riza das sah, erzählte sie alles, was ihr wiederfahren, und was ihr durch die Hände der Vampirs geschehen war."

Quelle: Zigeunermärchen, Nr. 13. Jena 1926

 

3. Der rote Kaiser und der Vampir

Der rote Kaiser hat drei Söhne und eine Tochter. Seine Speisen im Schrank werden von einem unbekannten Täter in der Nacht aufgefressen. Die beiden ersten können nichts wahrnehmen. Sie schlafen fest, während der Vampir die Speisen aufisst: "Da erhob sich seine Schwester, die zum Vampir geworden war und wickelte sich aus den Hüllen, die sie umgaben. Sie überschlug sich, und da wurden ihre Zähne wie Schaufeln und ihre Nägel wie Sicheln. Sie ging an den Schrank, schloss ihn auf und aß, was sie nur fand." Die Schwester ist noch ein kleines Kind. Der jüngste Sohn entdeckt es. Er zieht in die Welt, um den Platz zu suchen, wo man kein Alter und keinen Tod kennt. Dadurch überlebt er ale. Schließlich kehrt der Sohn zurück. Er findet nichts mehr von seinen Verwandten, aber entdeckt schließlich die Schwester: "Seine Schwester, die ein Vampir war, sah ihn und schrie: >Seit langem erwarte ich dich, du Hund!< und stürzte auf ihn los, um ihn zu fressen. Da schlug er schnell ein Kreuz und sie verschwand." Der Sohn stirbt an der Stelle, wo er sein Geld vergraben hatte. Dort warten auf ihn Alter und Tod.

Quelle: Zigeunermärchen, Nr. 28. Jena 1926

 

4. Das Mädchen und der Vampir  

"Es war einmal eine Frau, die war sehr arm; nicht weit von da gab es einen Vampir."

Der Vampir kommt als Freier und bittet um die Hand der Tochter. Auch für die beiden jüngeren Töchter verspricht er einen Bewerber zu finden. Er führt das Mädchen zum Friedhof. Dort ist die Höhle des Vampirs, in der an Haken Menschenfleisch hängt. Da sich das Mädchen weigert, davon zu essen, bringt er es um und schneidet es in Stücke. Dem Vampir gelingt es, auch die zweite Tochter zu beseitigen, er lockt sie ins unterirdische Verlies, indem er vorgibt, ihre Schwester sei erkrankt. Auch die dritte Tochter der armen Frau lockt er in seine Höhle. Mit Entsetzten sieht sie hier die Leichenstücke ihrer beiden Schwestern. Sie fleht zu Gott, sie aus den Händen des Vampirs zu befreien. Es gelingt. Der weiterer Verlauf des Märchens hat nichts mehr mit dem Vampirstoff zu tun. Das Mädchen wird schließlich Gattin des Zarensohnes (der Vampir dieses Märchens, das aus Albanien stammt, ist Fleischfresser, kein Blutsauger).

Quelle: Balkanmärchen, Nr. 12. Jena 1925

 

5. Der Fremde

Ein Muschik wird eines Nachts von einem Fremden nach einem Haus geführt, in dem zwei Schlafende ruhen, ein Greis und ein Jüngling. Der Fremde nimmt einen Eimer und stellt ihn neben den Jüngling und klopft ihm auf den Rücken, der sich sofort öffnet, und heraus ströhmt das rote Blut. Der Fremde füllt den Eimer voll und trinkt ihn aus, dann füllt er einen weiteren Eimer mit dem Blut des Greises, stillt seinen gierigen Durst und sagt dann zum Muschik: "Es will grauen, laß uns zu meiner Behausung zurückkehren"

Quelle: Adolf Bastina, „Der Mensch in der Geschichte“. Leipzig 1860

Ouelle: Von denen Vampiren und Menschensaugern