Der Biss

geschrieben von Kiana

 

Ich sah SIE das erste Mal in einer verrauchten, alten Taverne, die sich im Mittelpunkt des Nirgendwo befand. Langsam schlossen sich ihre Lippen um die Flasche eines billigen Whiskeys, den sie vor einiger Zeit bestellt hatte. Ich wunderte mich jemanden wie sie in einer solchen Absteige zu finden, wenn man bedenkt welcher Abschaum sich hier herumtrieb. Hier trafen sich nur die Ausgestoßenen, welche vom Schicksal benachteiligt wurden oder die sich in einer einsamen dunklen Nacht über einen Friedhof trauten. Ich selbst war einer deren, der sich mit des Letzeren angelegt hatte und wenn ich mir sie nun betrachtete, bereute ich es nicht mal mehr.

Ich griff mir mein Glas, um den letzten Schluck aufgewärmten Blutes in meinen Mund fließen zu lassen und verzog mein Gesicht, bei dessen abgestandenem Geschmack. Ich stellte mir dabei vor wie es wohl sein würde endlich IHR süßes, lebendiges Blut meine Kehle hinabfließen zu lassen. Ich warf wieder einen Blick zu ihr herüber und bemerkte, dass sie sich ihre Tasche genommen hatte und ihm Begriff war diese Taverne zu verlassen. Ich bereitete mich darauf vor, das zu tun, was ich auch die letzten 345 Jahre getan hatte.

Langsam und geschmeidig stand ich auf und begab mich mit einem vorfreudigen Grinsen zur Tür. Ich öffnete diese und sog kühle klare Luft ein, die mein Körper wieder auf Hochtouren brachte. Obwohl eine leichte Briese in der Luft lag, konnte ich IHREN süßlichen Geruch ausmachen und sah ihren Schatten zwischen zwei Kiefern verschwinden, die genauso alt sein könnten wie ich. Wie eine Katze schlich ich den dunklen Weg entlang, der nur von einem schwachen Mondschein erhellt wurde.

SIE bewegte sich einfältig in dem Schutz der Dunkelheit vor mir her und ich wunderte mich wieder, wie ein Mensch es wagen konnte sich ohne Schutz durch diese Gegend zu bewegen. Vielleicht war es auch nur eine Nebenwirkung des Alkohols, denn sie war ebenfalls nicht mehr fähig geradeaus zu laufen. Wieder kam Wind auf und ich sah ihr braunes Haar in meine Richtung flattern. Fasziniert betrachtete ich es, was mir den Augenblick der Unachtsamkeit herbeibrachte und ich auf einen Ast trat, der mit lautem Krachen in der Stille der unendlichen Nacht zerbarst.

Sofort blieb ich stehen und merkte wie sich mein schwarzer Mantel im Wind hob und senkte. SIE blieb ebenfalls stehen und drehte sich furchtsam um. Dabei sah ich wie ihr Körper anfing zu zittern; ob nun vor Furcht oder vor Kälte. Wahrscheinlich sah sie mich in dem Augenblick in dem ich meine Zähne bleckte. Darauf stieß sie einen schrillen, kurzen Schrei aus, der die Stille der Nacht für kurze Zeit zerriss.

Blitzschnell drehte sie sich um und lief in die schwarze Nacht hinein, dessen Blindheit nur den Menschen überlassen war. Ich gab ihr 20 Sekunden Vorsprung, was diesen Wettlauf für mich jedes Mal noch spannender machte. Dann lief ich los. Schon nach wenigen Sätzen hatte ich sie eingeholt und mit mehr oder weniger sanfter Gewalt stieß ich sie auf den Boden. Ihr schwarzer Rock war hochgerutscht und enthüllte ihre weichen Schenkel. Ihr blutrotes Trägertop zeigte ihren Bauchnabel, der mit einem blickendem Schmuckstecker durchstochen war. Nie hatte ich diese Art von Schmuck verstanden, obgleich es etwas für das Auge war.

Mit schnellem Atem saß ich auf ihr, während die junge Frau auf die ich es diesen Abend abgesehen hatte windend unter mir lag und in kurzem Abstand verzweifelte Schreie ausstieß. Ihre grünen Augen leuchten im hellem Mondlicht und langsam füllten sich diese mit Tränen. Für einen kurzen Augenblick durchjagte mich ein Gefühl, welches ich für lange Zeit nicht mehr empfunden hatte  und ich konnte es im ersten Augenblick auch nicht mal zu ordnen.

Ich glaube es hieß Mitleid.

Ich riss ihren Kopf brutal zur Seite und strich ihre Haare so zur Seite, dass ihr Hals frei von allem lag.. Dann schnellte mein Kopf nach unten und ich stieß meine Zähne bis zum Anschlag in ihren Hals. Sofort zerrissen meine Zähne ihre Halsschlagader und ihr warmes Blut lief in kleinen Rinnsälen in meinen Mund. Begierig schluckte ich es hinunter und merkte wie mein Körper sich mit neuer Kraft füllte. Ich liebte diesen metallischen Geschmack, der mich so sehr an Leben erinnerte. IHR Körper hingegen verlor langsam ihren Wiederstand und einmal mehr tat mir das Auslöschen eines jungen Lebens leid. Einige Minuten vergingen und es floss immer weniger Blut, bis es schließlich ganz aufhörte.

Ich richtete mich auf und sah der jungen Frau ins Gesicht, dessen Leben ich gerade ausgelöscht hatte. Friedlich lag SIE da und wenn man von ihrer geradezu weisen Gesichtsfarbe abgesehen hätte, hätte man glauben können, dass SIE einfach nur seelenruhig schlief. Ihre eben noch so roten Lippen waren jetzt so weiß, dass man sie kaum noch ausmachen konnte und ihr noch vor wenigen Sekunden verzerrtes Gesicht sah jetzt erlöst aus. Ihre leuchtend grünen Augen waren nun geschlossen. Tatsächlich für immer.

Ich stand jetzt ganz auf und musterte sie noch einmal genau, während mein Gesicht traurig dreinblickte. Ich bemerkte wie noch ein letzter Tropfen Blut aus den zwei kleinen Bissspuren rann und auf ihr Top tropfte. Aufgefallen wäre es bei den Farben sicher nicht mehr. Ihre Arme, die ich eben noch verkrampf versucht hatte zu bändigen, lagen jetzt seitlich ausgestreckt auf dem Boden. Mir fiel ein, dass sie eigentlich eine Tasche bei sich haben müsste. Gerne hätte ich gewusst wie sie hieß. Ich blickte um mich und da ich sie nicht erblicken konnte, schloss ich daraus, dass SIE sie auf ihrer Todesflucht verloren haben musste. Ihre braunen Haare lagen in leichten Wellen rund um ihren Kopf und waren durch den Staub der Erde leicht verschmutzt.

Noch einmal betrachtete ich ihren Hals und sah einen dünnen goldenen Faden um ihn geschlungen. Ich streckte meinen Finger nach ihm aus und zog den kleinen Anhänger der Kette vom Boden nach oben. Kurz schreckte ich zurück, als ich plötzlich ein kleines Kreuz in meiner Hand hielt. Anscheinend besaß SIE nicht genug Glauben zu dem lieben alten Mann im Himmel, ansonsten wäre ich sicher nicht in der Lage gewesen, sie zu beißen. Ich ließ das Symbol des nicht vorhanden Glaubens fallen und trat zurück.

Wieder einmal hätte ich gerne gewusst, was mein Opfer in der letzten Sekunde seines wertlosen sterblichen Lebens dachte. Ich würde meine letzten Gedanken vor dem erneuten Tod wahrscheinlich erst dann denken, wenn irgendein Fanatiker, oder vermutlich eine Jägerin, ein spitzen Gegenstand in mein schon lange totes Herz stoßen würde.

Ich merkte, wie ich wieder einmal anfing melancholisch zu werden und drehte mich schwerfällig um. Ich stieß einen Seufzer aus. Dann schritt ich gesättigt in die Dunkelheit der Nacht.