Das Opfer

geschrieben von Samana

 

Eine wunderschöne Nacht, so friedlich und ruhig. Ich schaue zu den Sternen empor, ihr Glanz spiegelt sich in meinen Augen. Die kosmische Ordnung lenkt mich einen Moment lang ab, lädt mich ein zum träumen, doch bald schon holen mich meine Gedanken mit eiserner Faust wieder ins Hier zurück. Es ist dieses Gefühl, welches mich zur Unruhe treibt. Nach einer Zeit des inneren Friedens kommt es also wieder, wird stärker jeden Tag.

Bekanntes, gehasstes Gefühl.

Ich blicke wieder nach links und rechts, schaue, ob die Straße leer ist, ob da nicht doch ein stiller Beobachter in einem Schatten lauert. Ja, mit der Zeit wird man paranoid – als ob die Menschen in dich hineingucken könnten. Ich muss lächeln und gehe weiter.

Bald habe ich das Haus erreicht in dem du wohnst. Ich muss an dich denken, an das erste Mal, wo du meinen Hunger stilltest. Dieser heilige Augenblick, er hat sich in mein Innerstes gebrannt; gelebte Passionen. Ich sehe wieder deine weiße Haut, dein Haar, deine schlanke Gestalt... du bist wunderschön.

Ich bleibe an der Haustür stehen, tief versunken in dieses Bild. Warum nur hast du dich mir hingegeben, aus Liebe? Wenn ja – was für ein Ungeheuer bin ich, dir soviel zu nehmen und nichts zu geben. Es quält mich, dies dumme Gewissen.

Ja, gegeben hast du viel, mehr als du je ahnen wirst. Ich nahm von deinem Leben, von deiner Seele, immer und immer wieder. Du bist ein Teil von mir geworden. Mag sein, dass auch du es gefühlt hast. Mag sein, dass du dich auch danach verzehrst wieder mein Opfer zu sein.

Dein Bild löst sich auf, es bleibt nur die Gier in meinem Kopf zurück. Die Gier nach mehr, mehr von deinem Leben, mehr von deiner Seele! Mein Blut pulsiert in meinen Adern, mein Herz rast in freudiger Erwartung. Ich haste das Treppenhaus hinauf, du empfängst mich an der Tür.

Oh Gott.. wie sehr ich dich liebe, wie sehr ich dich brauche!

Kein rationaler Gedanke mehr möglich, das Tier ist erwacht, schreit auf, fordert seinen Tribut. Ich reiße dich an mich, schließe dich in meine Arme.. du bist mein! Dein Leben, deine Kraft…, ich kann es riechen, fühlen, sehen. Dein Anblick zerreißt mich! Du bist alles; ohne dich bin ich nichts. Gib mir die Nahrung, nach der es mich so heftig verlangt; siehst du nicht wie ich zittere? Wie sich jede Faser meines Körpers nach dem Augenblick sehnt, wieder ein Teil von dir zu werden?

Du schaust mir tief in die Augen, saugst den gequälten Blick in dich auf – und lächelst. Ja, du weißt wie sehr ich dich brauche. Und für eine Sekunde sehe ich noch etwas anderes in deinem Blick, etwas, dass mir nicht gefällt. Dein eigener Hunger der sich mir offenbart; gestillt in diesem Augenblick. Mit dem letzten klaren Gedanken, der mir übrig bleibt erkenne ich wer hier eigentlich Täter und wer Opfer ist.

Doch dann bin ich schon im Rausch, koste dein Leben und tauche hinab.