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"Nennt mich... Vampir" geschrieben von Samana
Nennt mich Vampir, Blutsauger, Wesen der Nacht; einerlei ist es, wie ihr mich ruft, was ihr in mir seht. Ich bin der Alp, der des Nachts in eure Träume schleicht. Ich bin der Schatten, der in der Ecke lauert; wartend, beobachtend. Ich sehe euch, wie ihr arglos euer Leben lebt, euer Tagewerk verrichtet. Wie ihr Abends müde heimkommt, um stundenweis’ die Früchte eurer Arbeit zu genießen, euch wenige vergnügliche Momente gönnt, danach in einen todesähnlichen Schlaf zu fallen, nur um am nächsten Tag alles von vorn zu beginnen. Welch erbärmliche Existenz! Schaudernd macht es mich, zu denken, dass ich einst von eurem Blute war. Wie lange ich gebraucht, Erinnerungen abzustreifen, zu lösen die Fesseln des menschlichen Denkens, die mich so lange bei euch gehalten. Ihr hattet mich nicht verdient; ihr, dass Gewürm, das sich selbst als die Krone der Schöpfung sah. Durch meine Wandlung wurde ich mit Gaben gesegnet, von denen ihr nicht mal zu träumen wagt! Langsam vollzog sich damals der Wechsel in das andere Leben. Zuerst kam die Angst, die jeden Menschen quält. Angst zum Schluss dann doch dem Gevatter Tod ins Auge blicken zu müssen – vielleicht zu sühnen, vielleicht auf ewig zu ruhen. Greuel vor dem Nichts was darauf folgen mag. Doch jene, die von mir trank, beruhigte mich. Niemals wieder, so sagte sie, sollten Angst und Schrecken mich angreifen können. Solcherlei Gefühle sollten nie wieder mein Herz erreichen. Sie behielt recht; nach einer Zeit der Agonie fand ich mich in einer Welt wieder, die andersartiger nicht sein konnte. Nicht vom Äußeren – die Welt um mich herum blieb die Gleiche. Jedoch geschah ein Wandel in meinem Innern. So schwach wie ich auch ward', als der Lebenssaft langsam aus mir heraus floss, so kam doch bald eine nie gekannte Stärke; füllte meine leeren Adern und durchzog bald jede Faser meines Körpers. Das Weib, welches sich an mich gelabt hatte, verschwand darauf und ward nicht mehr gesehen. Sie, meine zweite Mutter, die mir dieses Leben schenkte. Voller Dank bin ich, dass sie mich auserwählte. Viel geschah zu dieser Zeit. Damals hatte ich mich als Gehilfe eines Schmiedes verdingt, musste aber bald feststellen, wie schwer es doch war, mit meiner dunklen Gabe unter den Menschen zu wandeln, ohne dass jemand den Veränderungen an mir gewahr wurde. Es dauerte nicht lange und Argwohn blickte aus den Augen der Leute. Dies mag an meinem veränderten Äußeren gelegen haben, denn es zog mich des Nachts in die Natur, um meinen neuen Durst nach Blut zu stillen. So bekam mein Gesicht eine ungewohnte Blässe, ich wurde schlanker und ward des Tages zu müde, um meine Arbeit zu verrichten. Freunde von mir klagten darüber, wie gereizt ich des öfteren wäre und wie ungesund ich doch aussähe. Sie zogen Mediziner zu Rate, die aber keine Erklärungen für mein Verhalten fanden. Natürlich waren diese armen dümmlichen Kreaturen auch nicht annähernd in der Lage das, was da geschah, mit ihrem kleinen Geist zu erfassen. Auch
entwickelte ich damals eine große Geschicklichkeit meine dunkle
Natur zu verbergen. Niemals sollte jemand die Identität des
Wesens erfahren, welches Nacht für Nacht durchs Dorf streifte
und sich an dem Blute von Hühnern, Katzen und Hunden labte. Die
Menschen selber fasste ich nicht an, denn sonst wäre ich
erkannt worden und das hätte meinem Treiben
ein jähes Ende gesetzt. Mit
der Zeit jedoch wurde ich unvorsichtiger, denn die Gier in mir
nach dem roten Lebenssaft wurde immer größer, bis sie mein
ganzes Denken ausfüllte. Lange
schon blieb ich bei Tag in meinem Haus, versteckte mich vor den
Menschen, diesen andersartigen Wesen, die mich nie verstehen würden.
So verbarg ich mich hinter geschlossenen Läden, schmiedete Pläne
und wartete ungeduldig auf den Anbruch der Nacht. Ich ahnte nicht, dass einige Dorfbewohner ein Gesuch an den hiesigen Magistrat geschickt hatten mit der Bitte "sich dem Besessenen doch anzunehmen, damit das Dorf von diesem Unheil gesäubert werde". Einem engen Freund von mir, der letzte, mit dem ich noch Kontakt hatte, ist es zu verdanken, das ich damals dem Gericht und somit einer Läuterung entkam. Sicherlich hatten alle nur mein Bestes im Sinn; sie beteten allabendlich für mein Seelenheil und hätten lieber meinen verfluchten Leib brennen sehen, als mich weiterhin so existieren zu lassen. Zwar fehlten die Beweise, dass ich wirklich etwas mit dem Sterben der Haustiere zu tun hatte, dem Magistrat jedoch reichten ein paar Verdächtigungen aus, um einen Gutachter in Begleitung eines Kirchenmannes ins Dorf zu entsenden. Sie sollten herausfinden, ob ich besessen wäre, um mir wenn nötig, noch vor Ort den Teufel auszutreiben. Kaum hatten sie sich, Abends angekommen, in der Schenke einquartiert, als sich die Neuigkeit wie ein Lauffeuer ausbreitete. Besagter Freund kam unverzüglich zu mir, berichtet über die Vorgänge und riet mir noch in dieser Nacht zu fliehen, denn morgen würde es zu spät sein. Am besten, so sagte er, wäre es sich in den nahen Wäldern zu verstecken. Dort fände man niemanden so schnell wieder. Und mit der Zeit würden sie wahrscheinlich ihre Suche nach mir aufgeben, denn viele andere Seelen harrten ihrer Rettung. So wartete ich bis es dunkel wurde, nahm nur mein Messer zum Schutz mit und einen warmen Mantel, um draußen im Wald nicht zu erfrieren. Zwar war die Winterzeit noch nicht angebrochen, der Wind jedoch hatte schon etwas von dieser eisigen Schärfe, die jede Wärme aus dem Körper zu saugen schien. Ich wandte mich zum Gehen, verharrte aber noch kurz, um mich ein letztes mal umzuschauen. Dies war mein Haus gewesen, meine Möbel, meine Kleider.. mein Blick streifte noch mal über alles, ich atmete tief ein, drehte mich dann um und entfloh in die Nacht, dieses Halbleben zurücklassend, in dem ich weder das eine noch das andere sein konnte. Mein Dorf habe
ich nie wieder gesehen. Jahre vergingen, ich lebte nun frei von allen Zwängen im Schutze von Mutter Natur. Ich aß die Früchte der Erde, wenn mich meine Blutlust überkam, so fing ich Kleintiere, schlitzte ihnen die Kehle auf, um an meine Nahrung zu gelangen. Manchmal verfing sich in eine meiner selbstgebauten Fallen sogar ein Stück Rotwild, welches ich mit dem Messer tötete und das Fleisch noch roh und triefend von Blut verzehrte. Hätte mich jemand so gesehen, er hätte mich wahrscheinlich für einen armen Irren gehalten; so halbnackt und dreckverkrustet. Meine Haare hingen mir wirr ins Gesicht und gingen direkt über in einen langen zerzausten Bart. Meine Kleider hingen teils nur noch in Fetzen an mir herunter. Aber wenn ich in einem Teich mein Spiegelbild sah, so lachte ich schallend, denn niemand würde jemals den Vampir dahinter vermuten. Sollten sie doch denken, ich wäre nicht bei Trost, gut so! Sollen doch die Reisenden, die Holzfäller und all die anderen, die sich in meinen Wäldern rum treiben davonrennen, wenn ich sie anbrülle und wilde Gesten mache; so sieht in mir niemand eine Gefahr, denn jemand der nicht klar denken kann, der würd' auch nie etwas Böses aushecken. Wie dumm sie doch sind! Ich bin ein Fürst der Finsternis! Ich warte und lauere im Schatten. Ich beobachte sie, schleiche mich manchmal des Nachts hin zu ihren Häusern, um durch ihre Fenster zu blicken. Da sehe ich sie dann liegen in ihren Betten, ohne Arg und hilflos wie kleine Kinder. Schwaches erbärmliches
Menschengeschlecht! Aber einer von ihnen sollte bald auch um die dunkle Gabe wissen, denn ich war allein und suchte jemanden von meinesgleichen. Einen anderen Vampir, mit dem ich mich austauschen könnte, damit ich nicht mehr allein war mit all meinen Gedanken. Aber ich fand in der ganzen Zeit keinen wie mich. So beschloss ich mir einfach einen Weggefährten zu erschaffen, denn auch ich wurde damals gewandelt. Nur wen sollte ich nehmen? War jemand überhaupt gut genug hinauszuwachsen über sein Menschendasein, zu werden wie ich? Nach langem Nachsinnen kam ich zu dem Entschluss, dass es einerlei war, wen ich nehmen würde. Jeder war gleich schlecht, ich aber würde aus ihm etwas Besseres machen. Ich schaute mich um; am besten wäre jemand, der allein war, den niemand vermissen würde. Adlige oder Bessere waren also ausgeschlossen. Bald hatte ich einen Stallburschen ins Auge gefasst. Er war noch jung, höchstens sechzehn Lenze und lebte in einem nahen Dorf. Sein Tagewerk bestand aus harter Arbeit, des Nachts schlief er im Stroh bei den Pferden. Ja, er sollte es werden. Niemand, der ihn sonderlich vermissen würde, kein schönes Leben, dass er zurückließ. Eines Nachts wartete ich draußen bei der Scheune, an die er wie jeden Abend vorüber kommen sollte. Kaum war er an mir vorbei, als ich ihm einen leeren Futtersack, den ich mir gegriffen hatte, über den Kopf stülpte und ihn mit mir in den Wald schliff. Alles musste sehr schnell gehen, niemand durfte uns hören geschweige denn sehen. Doch es verlief alles bestens und nach kurzer Zeit waren wir schon in einer Waldlichtung, die ich mir für diesen besonderen Moment ausgesucht hatte. Der Knabe versuchte sich zu wehren so gut er konnte, aber er hatte keine Möglichkeit meinem eisernen Griff zu entkommen. Wie ein Karnickel packte ich ihn am Genick, den rechten Arm hinter seinem Rücken gedreht und blickte auf seinen blanken Hals. Nie wieder allein sein müssen, nie wieder so viele unausgesprochene Gedanken, die sich in das Hirn fressen, Narben in der Seele lassend. Hier ist er, der wehrlose Menschenkörper; formbar noch, offen für neues Gedankengut. Ja, ich werde ihn schon biegen wie ich ihn brauche. Und gemeinsam werden wir dem Menschengeschlecht das Fürchten lehren. Angst und Entsetzen starrten mich aus großen Augen an. Nein, nichts
Schlimmes was dich erwartet mein Junge; nur Klarheit, Reinheit
und eine neue nie gekannte Macht. Beruhigend redete ich auf dich
ein, hielt dich fest und bald schon ließen deine Kräfte nach
und du wurdest ruhig. Kein Schrei mehr, der die Stille der Nacht
stört, kein Betteln; nur ein leises Wimmern war noch zu
vernehmen. Schweigend und
zitternd hast du den Tod erwartet, dachtest von einem
Schwachsinnigen gemeuchelt zu werden. Ich aber wusste es besser,
setzte langsam mein Messer an deinen Hals und öffnete gezielt
die Ader. Dein Lebenssaft ergoss sich sogleich auf deine Haut,
lief über meine Hand und färbte den Kragen deines Hemdes.
Schnell und gierig
trank ich von dir; so viel Blut in einem Menschen. Schon
wurdest du bleich, dein Blick leer, und ich sah, wie der Tod
seine Hand nach dir ausstreckte, um dich aus meinen Armen zu reißen. Sodann brachte
ich mir selber eine Wunde bei und ließ mein Blut seine Lippen
benetzen. 'Habe
keine Furcht', flüsterte ich, 'es ist der Moment der Wandlung,
den du erlebst'. Sein
Körper erschlaffte, sein Kopf knickte zurück und der Junge lag
reglos in meinem Arm. Ja,
mein Freund, lass es geschehen. Wehre dich nicht gegen die
Kraft, die bald durch deine Adern strömen wird. Ich weiß,
diesen Moment zu überwinden ist schwer, aber es lohnt sich,
schau mich an; werde ein Vampir wie ich und die ganze Welt wird
unser sein. Stunden
vergingen, aber ich wartete geduldig. Wartete
darauf, dass er seine Augen wieder öffnet, das die dunkle Gabe
von ihm Besitz ergriff.. Als
der Morgen graute, trug ich ihn weg von der Lichtung. Mein Junge, neuer Weggefährte, verwandte Seele; wie sehr habe ich auch dich gewartet. Doch nun war der Moment gekommen. Wie sehr ich mich darauf freute dir meine Welt zu zeigen. Doch zuerst musste ich dich hier fortschaffen, weg von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne. Sicher, das Sonnenlicht konnte mir nicht viel anhaben, aber du warst so zerbrechlich und bleich und dein Kampf dauerte so viel länger als damals bei mir. Ich konnte mir gut vorstellen, dass du als Geschöpf der Nacht wiedergeboren würdest, das Licht fürchtend. Oft habe ich in meiner Jugend von Vampiren gehört, die sich bei Tag verstecken mussten, um des Nachts feuchten Erdgräbern zu entsteigen und alsbald auf die Jagd zu gehen. Solche Art begnügte sich nicht mit Tierblut, sie jagten Menschen. Voller Stolz ließ ich meine Gedanken in die Zukunft schweifen; wie wunderbar es sein würde, wenn alle Menschen vor Angst darum gebissen zu werden in ihren Betten keine Ruhe mehr fänden. Nie wieder würde ich ausgelacht, nie mehr verspottet. Die ersten
Sonnenstrahlen weckten mich aus meinem Wachtraum und ich wusste
was zu tun war. An
einer Stelle im Wald angekommen, wo die Erde locker und feucht
war, buddelte ich ein Loch, legte den Jungen hinein und bedeckte
ihn mit Erdreich und Blättern. Dies
sollte sein Schlafgemach sein für den Tag. Sicherlich war er
bis zum Abend Gevatter Tod von der Schippe gesprungen. Als
ich ihn zurückließ, um etwas zu essen zu suchen, war ich guter
Dinge. Nach Sonnenuntergang dann begab ich mich wieder zu der Stelle wo der Junge lag. Langsam und vorsichtig entfernte ich die Erde und hob ihn aus dem Loch. 'Wach auf, du hast nun lang genug geschlafen', sagte ich voller Freude auf den Moment der Erweckung. Doch er regte sich noch nicht, kämpfte immer noch im Jenseits darum zurückzukommen. Es tat mir leid, welch Qualen und Mühen er durchleben musste, damit sich die Wandlung an ihm vollzog. Ganz bleich war er und steif, die Strapazen standen ihm im Gesicht geschrieben. Ich legte ihn behutsam auf einen Haufen weichen Laubes und setzte mich daneben. Ich muss Geduld haben, dachte ich. Vielleicht ist es bei dem einen sehr leicht und bei dem anderen mühsam. Wartend bis zur Morgenröte saß ich da, tief in Gedanken versunken. Als die ersten Strahlen der Sonne durch die Bäume brachen legte ich seinen Körper wieder in das Loch, um es abermals zu schließen und darauf zu hoffen, dass mich am Abend ein neugeborener Vampir erwartet. So ging es
Abend für Abend, Nacht für Nacht. Zwei Jahre mag es nun her
sein, da ich dich, meinen Gefährten, von deinem armseligen
Leben befreit und dir ein neues geschenkt habe. Doch
noch immer dauert er an, der Kampf mit dem Tod. Dein
Fleisch mag verrottet sein, aber deine Seele kommt zu mir zurück.
Dann wirst du dich erheben, deine alte Gestalt annehmen, um mit
mir über die Menschen zu herrschen. Bald,
sehr bald schon. Ich werde dann bei dir sein mein Freund und dich willkommen heißen, in der Welt der Vampire. |
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